Das Projektgebiet

Förderung der Insektenvielfalt im Kochertal (Ingelfingen/Criesbach/Hohenlohekreis)

Die Projektflächen (mittlerweile 5,77 ha) liegen in den Weinbergen der Gemeinde Ingelfingen im Kochertal und sind seit Juni 2022 (weiterer Flächenkauf 2023, 2024 und 2025) im Eigentum der Artenschutzmanagement gGmbh. Sie sind Teil des landesweiten Biotopverbundes “trockene Standorte”, Anspruchstyp „Strukturreiche Weinberggebiete“, liegen hauptsächlich im Kernraum und weisen einige Kernflächen auf. Es handelt sich hauptsächlich um Weinbergsparzellen (südost- und südexponiert), die aus der Bewirtschaftung genommen wurden. Die Rebstöcke wurden entfernt und die Weinberge sollen auch weiterhin nicht mehr bewirtschaftet werden, sondern dauerhaft dem Artenschutz zur Verfügung stehen. Die umliegenden Weinberge werden weiterhin von den ortsansässigen Winzern konventionell bewirtschaftet. Einige der den Weinbergsbrachen angrenzenden Flächen sind Flächen mit Streuobst und Magerrasen (FFH-LRT 6510 – Magere Flachlandmähwiesen). Auch sind die Biotoptypen Steinriegel und Trockenmauer als Kernflächen im landesweiten Biotopverbund gekennzeichnet. Ein Nachweis über das Vorkommen der Rote Liste (Kat. 1) Art Oedipoda germanica (Rotflügelige Ödlandschrecke) ist bereits vorhanden.

Das Monitoring

Die Tierwelt kann sich sehen lassen

Das Monitoring startete im April 2022, um den “Nullzustand”, d.h. den Zustand vor den ersten Entwicklungs- und Pflegemaßnahmen zu dokumentieren. Diese Basisdaten sollen eine optimale Entwicklung der Lebensräume gewährleisten. Vorallem interessant sind die Daten der jungen Brachestadien im Vergleich zu angrenzend bewirtschafteten Weinbergen und den Brachen, die schon seit längerem aus der Nutzung genommen wurden. Der Vergleich zu den vorgenommenen Monitoring-Durchgängen sowie regelmäßige Referenzaufnahmen an geeigneten Standorten sollen helfen, die Entwicklungs- und Pflegemaßnahmen im Projekt optimal einzustellen.

Hauptaugenmerk beim Monitoring wurde und wird auf die Insektengruppen der Wildbienen, Grabwespen, Zikaden, Laufkäfer, Tagfalter und Heuschrecken gelegt. Beibeobachtungen: Totholzkäfer, Netzflügler und Vögel. Das Monitoring erfolgt nach wissenschaftlich gängiger Praxis und Erfahrungswerten der bereits jahrelang in diesem Bereich tätigen ErfasserInnen.

Die ersten Ergebnisse der Arterfassung zeigen, dass die Flächen in Ingelfingen großes Potential haben – sie bieten bereits jetzt für viele gefährdete Arten einen Lebensraum. Die Rotflügelige Ödlandschrecke, deren Vorkommen in diesem Gebiet bereits erfasst wurde und deren Individuenzahlen sich durch unsere Maßnahmen bereits vervierfacht haben (AsuB 6 (2) 2025), sowie der Kreuzdorn-Zipfelfalter und das Flockenblumen-Grünwidderchen, die Weißfleckige Wollbiene und der Libellen-Schmetterlingshaft wurden erfasst, um nur einige wenige Arten zu nennen, die auf den Roten Listen für gefährdete Tierarten stehen. Besonders gefreut hat uns der Fund der Laufkäferart Amara crenata, der seit über 50 Jahren in Baden-Württemberg als ausgestorben gilt (AsuB 6 (9) 2025). Um die Population nun zu stärken und weiterzuentwickeln wurde im April 2025 an einem der Fundorte ein 5 m breiter Streifen aufgebrochen, da der Laufkäfer Bewohner junger Brachen ist und regelmäßig bearbeitete offene Böden braucht.

Im Rahmen der Arterfassungen wurden auch Untersuchungen zu den vorkommenden hohlraumnistenden Wildbienenarten angesetzt, um Erkenntnisse zu deren möglichen Förderung zu gewinnen. In diesem Zusammenhang wurde ein Schlupf der Erzwespenart Neochalcis osmicida festgestellt, welche sich als Parasitoid bei der Dreizahn-Stängelbiene (Hoplitis tridentata) entwickelt. Dieser Reproduktionsnachweis ist zugleich auch Erstfund für Deutschland und konnte in unserem Online-Journal Artenschutz und Biodiversität veröffentlicht werden (AsuB 5 (5) 2024).

Vegetationsaufnahmen

Da tut sich was – Potential ist aber weiter ausbaufähig

Neben der Arterfassung der oben erwähnten Insektengruppen werden vegetationsökologische Daten aufgenommen, d.h. unter anderem die Klassifizierung von Strukturparametern, Einordnung der Vegetationstypen, Vorkommende Pflanzensippen,… Die Ergebnisse der ersten Vegetationsaufnahme 2023 waren wenig überraschend. Es wurden hauptsächlich verarmte Weinberg-Beikrautgesellschaften kartiert und auf unseren angrenzenden Streuobstwiesen handelte es sich hauptsächlich um ruderalisierte Glatthaferwiesen. Durch ein angepasstes Pflegeregime (siehe weiter unten Maßnahmenumsetzung) und teilweise Einsaaten regionalen Saatguts sollen die Flächen zu artenreichen Grünland-Lebensräumen entwickelt werden. Das Potential ist da, denn es konnten bereits Arten der Roten Liste dokumentiert werden – z.B. der Blaue Gauchheil (Anagallis foemina), der auf der Roten Liste BW als gefährdet eingestuft ist. Und eine unserer Streuobstwiesen, die zwar hauptsächlich randlich mit dornigen Büschen durchwachsen war, wurde als relativ artenreiche Salbei-Glatthaferwiese kartiert. Hier wächst z.B. eine gefährdete Orchideenart, das Helm-Knabenkraut (Orchis militaris). Seitdem wir die Flächen nun seit 2022 betreuen und jedes Jahr auf den einzelnen Flächenkomplexen über die weitere Pflege beraten und diese ggfs. anpassen, sind die Flächen auf einem guten Weg. Es haben sich sowohl Kennarten des LRT Magere Flachland-Mähwiese (siehe weiter unten Projekt der Stiftung Naturschutzfonds) oder der Magerrasen eingefunden als auch Pflanzen, die für die tlw. stark gefährdeten Arten als Nahrungs-, Eiablage- und/oder Larvalhabitate von großer Bedeutung sind.

Maßnahmenumsetzung

Von Unkonventionellen Ideen und Standardpflege

Neben der Standardpflege Mahd mit Abräumen und einigen Freischneide – und Gehölzpflegearbeiten auf den älteren Brache- und den angrenzenden Streuobstflächen, die jährlich wiederholt werden müssen, werden einige Parzellen mit dem Rototiller bearbeitet. Diese Bodenbearbeitung soll dazu beitragen, die Nährstoffe (hauptsächlich Stickstoff) aus dem Boden der Flächen zu bekommen, um auch hier einen Standort mit magerem Charakter zu entwickeln und/oder um Ruderalflächen zu erhalten. Auf Teilen dieser bearbeiteten Böden wurde außerdem Grünroggen eingesät. Auch diese Maßnahme dient dazu, dem Boden schnell die Nährstoffe zu entziehen und die Entwicklung hin zu einer Magerwiese zu unterstützen.

Zur Neuschaffung einer sehr schütter bewachsenen Schotterfläche, wurde der Oberboden als linker Ausläufer (ca. 5m breiter Streifen) des zentral gelegenen großen Steinriegels abgetragen. Diese zunächst sehr drastisch wirkende Maßnahme soll dazu führen, dass sich der Deckungsgrad bei maximal 20% einpendelt und der Bewuchs mit Kräutern und Gräsern unterstützt wird. Das Ziel ist der am Standort bereits kartierten Rotflügeligen Ödlandschrecke und anderen Arten mit ähnlichen Habitatansprüchen Nahrungsgrundlage sowie Eiablagesubstrat- und Larvalhabitat zu bieten. Bei einer der Begehungen im Sommer 2024 wurden viermal so viele Imagines der Art als im Vorjahr kartiert (AsuB 6 (2) 2025). Diese Maßnahme scheint zu wirken und soll deshalb am benachbarten Steinriegel ebenfalls umgesetzt werden.

Auf einer der Streuobstflächen haben wir aufgrund der Ergebnisse des Monitorings (Kreuzdorn-Zipfelfalter RL D und BW 3) kleine Kreuzdornbüsche (Rhamnus) gepflanzt. Der Tagfalter legt seine Eier in die Astgabeln der Büsche, die Raupen fressen die Blätter. Der Kreuzdorn-Zipfelfalter ist eine wärmebedürftige Art. Die Raupe braucht für ihre Entwicklung ein bodennahes, warmes Kleinklima, deshalb sind für den Falter die Verjüngungsphasen sehr wichtig und nicht die alten Strukturen der Büsche. In der traditionellen Nutzung der Gebüsche war der Zipfelfalter häufig anzutreffen. Er bevorzugt vorallem die neuen Stockaustriebe und präferiert diese für die Eiablage. Wir werden deshalb die Kreuzdorne klein halten und je nach Wüchsigkeit alle 3-5 Jahre schneiden. Für das Flockenblumen-Grünwidderchen (RL D 2 und BW 3) wurde Anfang 2025 ein Streifen Boden abgeschoben, um dort u.a. Samen der Scabiosen-Flockenblume einzusäen. Nach anfänglichem sehr trockenen Frühjahr, sind die Samen aufgegangen und wir finden nun an einigen Stellen die für die Widderchen-Art sehr wichtige Wirtspflanze.

Im Herbst 2023 und 2025 fanden Pflegetage in Ingelfingen statt. Mithilfe von freiwilligen Helfer:innen wurden mit Motorsäge, Freischneider und Co sowie großem Kraftaufwand die Gehölze auf den besonders verbuschten Steinriegeln entfernt. Mithilfe der Familie Hofmann, die dann mit den entsprechenden Maschinen die Arbeiten vollendeten und das entfernte Material aufluden und entsorgten, konnten wir die Steinriegel auf unseren Flächen bisher von der aufkommenden Gehölzsukzession mehr oder weniger freihalten. Die als geschützte Biotope kartierten Steinriegel können so weiterhin ihrer Funktion nachgehen und den auf diese Strukturen angewiesenen Arten optimalen Lebensraum bieten. Diese Maßnahme muss allerdings regelmäßig wiederholt werden, um das Gehölzaufkommen gering zu halten. Bei dieser mühsamen Arbeit helfen uns seit Mai 2024 die Ziegen der Familie Haag, die auf den Steinriegeln und den angrenzenden Flächen 1-2x im Jahr weiden.

Im Winter 2024/2025 kümmerten wir uns um das kleine Waldstück oberhalb der Brachflächen für die Rotflügelige Ödlandschrecke. Um einen lichten Waldbestand als Wald-Offenland-Übergang zu schaffen, wurde in Absprache der Unteren Naturschutzbehörde die als Feldgehölz kartierte Fläche stark ausgelichtet, Einzelbäume wie Eichen und Kirschen blieben stehen und die beiden in den Flächen versteckten Steinriegel wurden freigestellt. Auch hier helfen uns die Ziegen beim Freihalten der Fläche.

Projekt gefördert durch die Stiftung Naturschutzfonds

Neuentwicklung und Erweiterung von Lebensraumtypen mit spezifischer artenreicher Insektenfauna auf ehemaligen Weinbergflächen

Am 21. Juni 2023 haben wir in Kooperation mit dem Landschaftserhaltungsverband Hohenlohekreis e.V. sowie der Hilfe von örtlichen Landwirten und vielen freiwilligen Helfer:innen auf unseren Weinbergbrachen in Criesbach den Versuch gestartet eine magere Mähwiese auf Weinbergbrachen zu etablieren. Die Spenderfläche war eine FFH-Mähwiese der Katergorie A in ca. 5km Entfernung. Die Empfängerfläche wurde die Tage vorher erst grob und dann fein bearbeitet, sodass das Saatbett vorbereitet war.

Nachdem das Mahdgut gemäht und kurz abgetrocknet war, wurde es vom Ladewagen zur Empfängerfläche gefahren und abgeladen. Ein Schlepper mit Silozange verteilte uns das Mahdgut grob im oberen Teil der Fläche. Danach wurde das Heu mit vereinten Kräften und Heugabeln im Hang verteilt. Mit Start des Ausbringens fing der Regen an, sodass es kurze Zeit später zu matschig war, um weiter mit dem Schlepper in den Hang zu fahren. Die Gefahr, dass der Schlepper am Hang abrutscht, war zu groß. Kurzer Hand wurde auf der restlichen Fläche Saatgut per Hand eingesät, welches im Vorjahr auf derselben Spenderfläche mittels Drusch gewonnen, getrocknet und gelagert wurde. Anfang Oktober 2024 wurde das Saatgut zusätzlich auf der direkt oberhalb liegenden Fläche (ca. 0,2 ha) aufgebracht.

Mittels einer anschließenden Vegetationserfassung in den Jahren 2024 bis 2026 zeigt sich, dass sich die Flächen unterschiedlich schnell entwickeln. Während sich die Teilfläche, auf der die Mahdgutübertragung stattfand, aktuell eher artenarm und grasdominiert zeigt, scheint die Saatgutübertragung (Sommer- und Herbsteinsaat) sehr gut funktioniert zu haben. Im Sommer 2025 hatten sich bereits 8 der 16 Kennarten eingefunden, die laut LUBW als Kennzeichen einer Mageren Flachland-Mähwiese (FFH-LRT 6510) gelten, wie z.B. der Wiesen-Salbei, die Wiesen-Margerite, die Wilde Möhre oder die Acker-Witwenblume. Es ist also in Teilen die Entwicklung hin zum gewünschten Lebensraumtyp absehbar. Auf den weniger artenreichen Flächen ist davon auszugehen, dass die fehlenden charakteristischen Arten höchstwahrscheinlich etwas später von den bereis artenreicheren Teilflächen ober- und unterhalb einwandern werden.

Die faunistische Erfassung zeigt ebenso erfreuliche Entwicklungen. Es wurden wertgebende Laufkäfer-, Wildbienen-, Tagfalter-, Widderchen- und Zikadenarten kartiert, die teilweise auch als charakteristische Arten für den zu entwickelnden Lebensraumtyp gelten können. Es waren aber auch Arten darunter, die charakteristisch für junge Brachestadien sind, wie z.B. der bundesweit stark gefährdete und in Baden-Würrtemberg als ausgestorben geltende Gekerbte Kamelläufer (Amara crenata). Für diese und weitere Arten mit ähnlichen Lebensraumansprüchen wurde kurzerhand in Nord-Süd-Ausrichtung mittig in den Flächen ein 5m breiter Streifen gefräßt. Auch im nahen Umfeld der Stiftungsflächen werden diese Streifen in Zukunft auf unseren Flächen zu finden sein, um diesen seltenen Arten ebenfalls gerecht zu werden.

Hier geht es zu unserem Projekt auf der Homepage der Stiftung Naturschutzfonds.

Wir bedanken uns herzlich bei unseren Partnern und Unterstützern in diesem Projekt! Wir danken vorallem auch den ortsansässigen Landwirten, die mit viel Schweiß und Tatkraft jährlich die Pflege der Flächen übernehmen.