Förderung der Insektenvielfalt im Kochertal – Arterfassung und angepasstes Pflegemanagement in den Weinbergen von Ingelfingen/Criesbach

Die Projektflächen (mittlerweile 3,42 ha) liegen in den Weinbergen der Gemeinde Ingelfingen (Gemarkung Ingelfingen und Criesbach) im Kochertal (Hohenlohekreis) und sind seit Juni 2022 (Teile erst seit Juni 2023) im Eigentum der Artenschutzmanagement gGmbh. Sie sind Teil des landesweiten Biotopverbundes “trockene Standorte”, Anspruchstyp „Strukturreiche Weinberggebiete“, liegen hauptsächlich im Kernraum und weisen einige Kernflächen auf. Es handelt sich hauptsächlich um Weinbergsparzellen (südost- und südexponiert), die aus der Bewirtschaftung genommen wurden. Die Rebstöcke wurden entfernt und die Weinberge sollen auch weiterhin nicht mehr bewirtschaftet werden, sondern dauerhaft dem Artenschutz zur Verfügung stehen. Die umliegenden Weinberge werden weiterhin von den ortsansässigen Winzern konventionell bewirtschaftet. Einige der den Weinbergsbrachen angrenzenden Flächen sind Flächen mit Streuobst und Magerrasen (FFH-LRT 6510 – Magere Flachlandmähwiesen). Auch sind die Biotoptypen Steinriegel und Trockenmauer als Kernflächen im landesweiten Biotopverbund gekennzeichnet. Ein Nachweis über das Vorkommen der Rote Liste (Kat. 1) Art Oedipoda germanica (Rotflügelige Ödlandschrecke) ist bereits vorhanden.

Das Monitoring startete im April 2022, um den “Nullzustand”, d.h. den Zustand vor den ersten Entwicklungs- und Pflegemaßnahmen zu dokumentieren. Diese Basisdaten sollen eine optimale Entwicklung der Lebensräume gewährleisten. Vorallem interessant sind die Daten der jungen Brachestadien im Vergleich zu angrenzend bewirtschafteten Weinbergen und den Brachen, die schon seit längerem aus der Nutzung genommen wurden.

Hauptaugenmerk beim Monitoring wurde und wird auf die Insektengruppen der Wildbienen, Grabwespen, Zikaden, Laufkäfer, Tagfalter und Heuschrecken gelegt. Beibeobachtungen: Totholzkäfer, Netzflügler und Vögel. Das Monitoring erfolgt nach wissenschaftlich gängiger Praxis und Erfahrungswerten der bereits jahrelang in diesem Bereich tätigen ErfasserInnen. Außerdem sollen vegetationsökologische Daten aufgenommen werden, d. h. unter anderem die Klassifizierung von Strukturparametern, Einordnung der Vegetationstypen, Vorkommende Pflanzensippen,…

Der Vergleich zu den vorgenommenen Monitoring-Durchgängen sowie regelmäßige Referenzaufnahmen an geeigneten Standorten sollen helfen, die Entwicklungs- und Pflegemaßnahmen im Projekt optimal einzustellen.

Die ersten Ergebnisse der Arterfassung zeigen, dass die Flächen in Ingelfingen großes Potenital haben – sie bieten bereits jetzt für viele gefährdete Arten einen Lebensraum. Die Rotflügelige Ödlandschrecke, deren Vorkommen in diesem Gebiet bereits erfasst wurde, sowie der Kreuzdorn-Zipfelfalter und das Flockenblumen-Grünwidderchen, die Weißfleckige Wollbiene und der Libellen-Schmetterlingshaft wurden erfasst, um nur einige wenige Arten zu nennen, die auf den Roten Listen für gefährdete Tierarten stehen. Besonders gefreut hat uns der Fund eines Laufkäfers, der seit über 50 Jahren in Baden-Württemberg als ausgestorben gilt. Dieses Potenial ist natürlich ausbaufähig, denn die Populationen gilt es nun zu stärken und weiterzuentwickeln.

Wenig überraschend waren die Ergebnisse der ersten Vegetationsaufnahme 2023. Es wurden hauptsächlich verarmte Weinberg-Beikrautgessellschaften kartiert, die es jetzt gilt artenreicher zu gestalten. Bei unseren angrenzenden Streuobstwiesen handelt es sich zwar bisher hauptsächlich um ruderalisierte Glatthaferwiesen – auch diese möchten wir durch das optimale Mahdregime und ggfs. Einsaat zu einer artenreicheren Wiese entwickeln – aber auf diesen Flächen konnten bereits Arten der Roten Liste dokumentiert werden – z.B. der Blaue Gauchheil (Anagallis foemina), der auf der Roten Liste BW als gefährdet eingestuft ist. Eine unserer Streuobstwiesen, die zwar hauptsächlich randlich mit dornigen Büschen durchwachsen war, wurde aber als relativ artenreiche Salbei-Glatthaferwiese kartiert. Hier wächst z.B. eine gefährdete Orchideenart, das Helm-Knabenkraut (Orchis militaris).

Die erste Maßnahmenumsetzung im Herbst/Winter 2022/2023 konnten wir bereits über Mittel der Landschaftspflegerichtlinie angehen. Neben der Mahd mit Abräumen und einigen Freischneide – und Gehölzpflegearbeiten auf den älteren Brache- und den angrenzenden Streuobstflächen, wurden einige Parzellen mit dem Rototiller bearbeitet. Diese Bodenbearbeitung soll dazu beitragen, die Nährstoffe (hauptsächlich Stickstoff) aus dem Boden der Flächen zu bekommen, um auch hier einen Standort mit magerem Charakter zu entwickeln. Auf Teilen dieser bearbeiteten Böden wurde außerdem Grünroggen eingesät. Auch diese Maßnahme dient dazu, dem Boden schnell die Nährstoffe zu entziehen und die Entwicklung hin zu einer Magerwiese zu unterstützen.

Zur Neuschaffung einer sehr schütter bewachsenen Schotterfläche, wurde der Oberboden als linker Ausläufer (ca. 5m breiter Streifen) des zentral gelegenen großen Steinriegels abgetragen. Diese zunächst sehr drastisch wirkende Maßnahme soll dazu führen, dass sich der Deckungsgrad bei maximal 20% einpendelt und der Bewuchs mit Kräutern und Gräsern unterstützt wird. Das Ziel ist der am Standort bereits kartierten Rotflügeligen Ödlandschrecke und anderen Arten mit ähnlichen Habitatansprüchen Nahrungsgrundlage sowie Eiablagesubstrat- und Larvalhabitat zu bieten.

Auf einer der Streuobstflächen haben wir aufgrund der Ergebnisse des Monitorings (Kreuzdorn-Zipfelfalter RL D und BW 3) kleine Kreuzdornbüsche (Rhamnus) gepflanzt. Der Tagfalter legt seine Eier in die Astgabeln der Büsche, die Raupen fressen die Blätter. Der Kreuzdorn-Zipfelfalter ist eine wärmebedürftige Art. Die Raupe braucht für ihre Entwicklung ein bodennahes, warmes Kleinklima, deshalb sind für den Falter die Verjüngungsphasen sehr wichtig und nicht die alten Strukturen der Büsche. In der traditionellen Nutzung der Gebüsche war der Zipfelfalter häufig anzutreffen. Er bevorzugt vorallem die neuen Stockaustriebe und präferiert diese für die Eiablage. Wir werden deshalb die Kreuzdorne klein halten und je nach Wüchsigkeit alle 3-5 Jahre schneiden.

Mahdgutübertragung im steilen Weinberghang Criesbach – Am 21. Juni 2023 haben wir in Kooperation mit dem Landschaftserhaltungsverband Hohenlohekreis e.V. sowie der Hilfe von örtlichen Landwirten und vielen freiwilligen Helfer:innen auf unseren Weinbergbrachen in Criesbach den Versuch gestartet eine magere Mähwiese auf Weinbergbrachen zu etablieren. Die Spenderfläche war eine FFH-Mähwiese der Katergorie A in ca. 5km Entfernung. Die Empfängerfläche wurde die Tage vorher erst grob und dann fein bearbeitet, sodass das Saatbett vorbereitet war.

Nachdem das Mahdgut gemäht und kurz abgetrocknet war, wurde es vom Ladewagen zur Empfängerfläche gefahren und abgeladen. Ein Schlepper mit Silozange verteilte uns das Mahdgut grob im oberen Teil der Fläche.

Danach wurde das Heu mit vereinten Kräften und Heugabeln im Hang verteilt. Mit Start des Ausbringens fing der Regen an, sodass es kurze Zeit später zu matschig war, um weiter mit dem Schlepper in den Hang zu fahren. Die Gefahr, dass der Schlepper am Hang abrutscht, war zu groß.

Kurzer Hand wurde entschlossen, dass auf der restlichen Fläche Saatgut eingesät wird. Das Saatgut wurde letztes Jahr auf derselben Spenderfläche mittels Drusch gewonnen, getrocknet und gelagert. Nun haben wir die Möglichkeit die beiden Verfahren direkt miteinander zu vergleichen. Wir hoffen sehr, dass sich unsere Bemühungen auszahlen und wir in den kommenden Jahren über den Artenreichtum (Fauna und Flora) auf der Fläche berichten können.

Ende Oktober fand der erste Pflegetag in Ingelfingen statt. Mithilfe von freiwilligen Helfer:innen wurden mit Motorsäge, verschiedenen anderen Werkzeugen und großem Kraftaufwand die Gehölze auf einem unserer besonders verbuschten Steinriegel entfernt.

Mahd- und Saatgutübertragung sowie das Monitoring auf den Flächen in Criesbach mit Unterstützung der Stiftung Naturschutzfonds gefördert aus zweckgebundenen Erträgen der Glücksspirale

Maßnahmenumsetzung 2022 & 2023 mit freundlicher Unterstützung des Landes Baden-Württemberg (Landschaftspflegerichtlinie).